III. Die echte Metapher

[3/1: Die etwas ausdrückende (echte) Metapher und ihre Vorzüge]

Wisse: Die Metapher im eigentlichen Verstande ist diese zweite Art, nicht die erste; und ihr Feld erstreckt sich so weit, sie hat so viele Variationen, sie kommt so oft vor, sie entfaltet so wunderbare Schönheiten, sie umfasst ein so weites Gebiet, sie ist so unerschöpflich und sie durchmisst in der Kunst so viele Höhen und Tiefen, dass ihre Verzweigungen und Verästelungen sich gar nicht alle zusammenstellen, ihre Variationen und Arten sich gar nicht erschöpfend aufzählen lassen. Ja, sie hat eine wahrhaft zauberische Wirkung und schließt in sich alles, was die Brust erfüllen, dem Geiste Genuss gewähren, die Seele erquicken und wahrhaftes Wohlbehagen erregen kann. Sie weiß den Weg, dir beständig Jungfrauen von auserlesener Schönheit, ausgestattet mit höchster Vollkommenheit, zuzuführen und weiß dir aus ihrem Meere Perlen heraufzuholen, welche, wenn andere Juwelen sich mit ihnen messen, ein nicht geringes Maß von Rang und Vorzügen besitzen und hohe Schönheiten aufweisen, die niemand abstreiten kann und die jene anderen gelb vor Scham in ihre Verwandtschaft mit den wertlosen Steinen zurücksinken lassen. Sie weiß aus ihren Minen Barren zu heben, deren gleichen nie gesehen wurde, und daraus Kunstwerke zu bilden, die allen Schmuck wertlos machen und dir erst zeigen, was wahrer Schmuck ist; kurz, sie weiß dir Köstlichkeiten zu bescheren, an denen die religiöse wie die profane Welt ihre Freude hat, und Vortrefflichkeiten, die den höchsten Rang einnehmen, so dass es unmöglich ist, sie nach Gebühr zu beschreiben und ihre ganze Schönheit auszuschöpfen.

Einer ihrer Hauptvorzüge ist es, dass sie diesen dichterischen Gedankenausdruck immer in einer neuen Form auftreten lässt, die ihm höheren Rang und Adel verleiht und seiner Vortrefflichkeit noch eine weitere hinzufügt, und dass in ihr ein und dasselbe Wort mehrere Ausdruckswerte gewinnt, so dass es, an verschiedenen Stellen wiederholt, an jeder einzelnen einen anderen Wert und einen Rang für sich erhält, jedes Mal wieder durch einen anderen Reiz den Blick fesselt und liebenswürdig betört. Eine der Eigentümlichkeiten aber, die man ihr nachrühmt - und zwar ist dies ihr Hauptehrentitel - besteht darin, dass sie dir viel Sinn mit wenig Worten übermittelt, so dass du gleichsam aus einer Muschel eine Mehrzahl von Perlen hervorholen und von einem Zweige verschiedene Arten von Früchten pflücken kannst. Wenn du ferner die Teile jener Kunst betrachtest, dank deren die Rede die Qualifikation als eloquent erreicht und das Prädikat der sprachlichen Vollendung verdient, so wirst du die Entdeckung machen, dass sie alle darauf angewiesen sind, sich ihren Schmuck auszuleihen, und nicht imstande sind, es mit ihr im Wettlauf aufzunehmen, und wirst finden, dass sie Sternen gleichen, unter denen sie der Vollmond, Auen, auf denen sie der Blumenflor ist, Braute, die, solange sie ihnen nicht ihren Schmuck leiht, leer von Schmuck dastehen, Jungfrauen, die der vollkommenen Schönheit entbehren, solange sie ihnen nicht Schönheit verleiht. Denn sie macht vor deinen Augen das Leblose lebendig und mit Vernunft begabt, das Sprachlose beredt, stumme Körper zu deutlich Sprechenden, die verborgensten Sinninhalte zu sichtbaren und klaren. Und wenn du das Gebiet der (poetischen) Analogieschlüsse betrachtest, so wirst du finden, dass es keinen besseren Helfer für sie gibt als die Metapher, und dass sie des Glanzes entbehren, solange sie nicht von ihr geschmückt sind. Auch wirst du finden, dass die Vergleiche überhaupt erst dann recht gefallen, wenn sie die Form der Metapher haben. Wenn du willst, macht sie dir feine, unsichtbare Gedanken, die im Verstand verborgen liegen, sichtbar, als ob sie Körper geworden wären, so dass man sie mit Augen sehen kann; und wenn du willst, verflüchtigt sie die körperlichen Eigenschaften, so dass sie zu geistigen Wesen werden, die nur noch das Denken erfassen kann. Dies sind aber erst allgemeine Hinweise und Andeutungen ihrer wunderbaren Leistungen. Erst die Betrachtung im Einzelnen und die Erläuterung jeder Gattung durch Beispiele wird das Gemeinte klar und deutlich machen. Das wirst du nun im Folgenden sehen, so Gott will, und von Ihm begehren wir, dass Er uns gelingen lasse, das zu erreichen und dieser Aufgabe gerecht zu werden. Und nachdem ich dir nun gezeigt habe, wie ausgedehnt das Wirkungsfeld der Metapher ist, und wie weite Ziele sie sich steckt, werde ich dir Kapitel nach Kapitel vorlegen und mich nach Kräften bemühen, die Sache gehörig klarzustellen und zu untersuchen.

[3/2: Grobe Einteilung der echten Metapher. Erste Art: Metapher mit dinglichem Substrat; Zweite Art: Metapher ohne dingliches Substrat]

In dem nun folgenden Kapitel unterwerfe ich die Metapher (zunächst) einer groben (generellen) Einteilung, wobei ich mit dem Ausdruck „groben“ meine, dass alle anderen Einteilungen, welche du für diese Metapher finden kannst, von einer feineren (spezielleren) Art sind, und dass diese Einteilung dem entspricht, was bei allen Menschenklassen und in allen Sprachen verständlich und gebräuchlich ist, und desgleichen du beständig von ungebildeten und gebildeten Leuten hören kannst.

Wisse: Jedes Wort, welches der etwas ausdrückenden Metapher unterworfen wird, ist entweder ein Nomen oder ein Verbum. Handelt es sich um ein Nomen, so kann es auf zweierlei Arten metaphorisch übertragen werden. Bei der ersten Art überträgst du das Nomen von seinem ursprünglichen Nominat auf etwas anderes, positiv Feststehendes und Bekanntes; du wendest es auf dieses andere an und lassest es dies so erfassen, wie etwa das Eigenschaftswort den Träger der Eigenschaft erfasst. So, wenn du sagst: „Ich sah einen Löwen“ und damit einen tapferen Mann meinst, oder: „Es erschien mir eine Gazelle“ und eine Frau meinst, oder: „Ich habe ein Licht herausgestellt“ und meinst Rechtleitung, klare Darlegung, Argument und dergleichen. In allen diesen Fällen erfasst das Nomen, wie ersichtlich, ein bekanntes Ding, das genau bezeichnet werden und von dem man sagen kann: Dies ist mit dem Nomen gemeint und dadurch umschreibend bezeichnet; das Nomen ist seinem eigentlichen Nominat entzogen und auf dem Wege der Metapher und des steigernden (hyperbolischen) Vergleichs diesem Dinge als Namen beigelegt worden.

Die zweite Art besteht darin, dass man das Nomen seiner eigentlichen Bedeutung entzieht und an eine Stelle legt, wo kein Ding zu sehen ist, auf das man zeigen und von dem man sagen könnte: Dies ist gemeint mit dem Nomen, und hierfür ist es entlehnt worden, so dass es (nun) als Stellvertreter von dessen ursprünglichem Namen steht und ihn ersetzt.[1] Ein Beispiel dafür ist der Vers des Labīd:

Wa-ġadāti rīḥin kašaftu wa-qirratin         iḏ aṣbaḥat bi-yadi š-šamāli zimāmuhā[2]

„Gar manches windigen, kalten morgens (Unbilden) habe ich weggeräumt, als dessen Zügel in der Hand des Nordwinds lag“;

denn hier legt der Dichter dem Nordwind eine „Hand“ bei, obwohl bekanntlich kein Gegenstand aufzeigbar ist, auf den man das Wort „Hand“ anwenden könnte, so wie du das Wort „Löwe“ oder „Schwert“ auf einen Mann anwendest, wenn du sagst: „Es trat mir ein Löwe brüllend entgegen“ und: „Ich zückte gegen den Feind ein Schwert, das nicht schartig wird“, oder wie der Dichter das Wort „Gazellen“ auf Frauen anwendet, wenn er sagt:

mina ẓ-ẓibāʼi l-ġīdi

„von den schmiegsamen Gazellen“,

oder wie du den Ausdruck „Licht“ gebrauchst für „Rechtleitung“ und „Erklärung“, wenn du sagst: „Ich habe ein leuchtendes Licht herausgestellt“, oder das Wort „Hand“ selbst für einen Menschen von großer Bedeutung, wenn du sagst: „Willst du mit mir streiten über eine Hand, mit der ich greife, und ein Auge, mit dem ich sehe?“ und damit einen Menschen meinst, der dir so viel bedeutet wie die Hand und ihr Wirken, ihre Leistung und ihre Abwehrkraft, und wie das Auge mit seiner besonderen Funktion, dem Nutzen, den es gewährt, dem Ehrenplatz, der ihm zukommt und dem bevorzugten Rang, den es einnimmt; denn bei alledem hast du ein Substrat, das du genau bezeichnen kannst und das dir vorschwebt, wenn du es in den Worten nicht ausgesprochen findest. Nichts dergleichen ist dir in dem Verse des Labīd an die Hand gegeben. Du kannst dir höchstens vorstellen, dass der Nordwind, indem er den Morgen nach seiner Natur regiert, sich so verhält wie der Lenker, welcher das (Tier), dessen Zügel er in der Hand hält und dessen Leitseil er gefasst hat, (nach seinem Willen) regiert. Das alles ist aber nicht mehr als Phantasie, Imagination und willkürliche Vorstellung in der Seele, und es entspricht ihm in der Realität kein sinnlich wahrnehmbares Ding, kein fassbares Substrat. Du kannst nicht sagen: Er bezeichnet umschreibend mit der „Hand“ dies oder meint damit jenes, oder macht dies bestimmte Ding zu einer Hand, so wie du sagen kannst: Er bezeichnet mit dem „Löwen“ (einen Mann namens) Zaid, er meint damit Zaid, er macht Zaid zu einem Löwen. Allerhöchstens kannst du sagen: Er will dem Nordwind eine Verfügungsgewalt über den Morgen beilegen, die der Verfügungsgewalt des Menschen über ein Ding gleicht, das er hin- und herwenden kann; er entlehnt für ihn eine „Hand“, um die Ähnlichkeit recht klar herauszustellen. Und was für die Entlehnung des „Zügels“ für den Morgen gilt, gilt ebenso für die Entlehnung der „Hand“ für den Nordwind, weil auch da kein aufweisbares (Substrat) vorhanden ist, das mit dem Worte „Zügel“ umschrieben würde. (Mit dieser zweifachen Entlehnung) leistet er der Anforderung der Intensivierung auf beiden Seiten genüge; er legt dem Morgen einen Zügel bei, um ihn um so vollkommener als regiert, und dem Nordwind eine Hand, um ihn desto eindringlicher als regierend hinstellen zu können.

[3/3: Der Unterschied wird deutlich beim Versuch der Zurückbildung zum Vergleich]

Der Unterschied zwischen beiden Arten wird deutlich, wenn du auf den Vergleich, der ja mit jeder etwas ausdrückenden Metapher bezweckt wird, zurückgehst. Bei der ersten Art bietet sich dir der Vergleich sofort ohne Schwierigkeiten dar; denn du kannst statt: „Ich sah einen Löwen“ auch sagen: „Ich sah einen Mann wie einen Löwen“ oder: „Ich sah einen Löwengleichenmann“ oder: „einen dem Löwen ähnlichen“. Beider zweiten Art ergibt sich der Vergleich nicht so ohne Weiteres; denn du könntest nicht sagen: „Als etwas für den Nordwind wie eine Hand wurde“ oder „der Nordwind etwas ähnliches wie eine Hand bekam“. Wenn dir der Vergleich auch hier sichtbar werden soll, musst du (gleichsam) erst einen verdeckenden Vorhang aufreißen und nachdenken und überlegen; du musst eine andere Methode anwenden und einen längeren Satz bilden, (wörtlich: aus der ersten Grenze hinausgehen) etwa: „Als der Nordwind, in der Kraft auf den Morgen einzuwirken, einem Manne ähnlich war, der die Macht hat, eine Sache mit der Hand zu regieren, so laufen zu lassen, wie es ihm passt, und nach der Seite zu ziehen, die sein Temperament verlangt und auf die sein Wille zustrebt.“ Wenn du hier auf die Grundbedeutung zurückgehst und das entlehnte Nomen auf seinen ursprünglichen Platz zurückversetzest, wirst du bemerken, dass die hier abgezogene Ähnlichkeit nicht bei dem entlehnten Begriff selber angetroffen wird, sondern bei dem, welchem es durch ein Genetivverhältnis zugeordnet ist. Denn du willst ja den Nordwind nicht in eine Hand umdeuten und in ein Vergleichsverhältnis zur Hand setzen, so wie du den Mann in einen Löwen umdeutest und in ein Vergleichsverhältnis zu ihm setzest, sondern du willst den Nordwind in den lebendigen, (menschlichen) Besitzer einer Hand umdeuten. Bei dieser Art stellst du also den Begriff, auf den übertragen wird, also etwa den Nordwind, als Besitzer eines Dinges hin, willst ihm aber damit (wiederum) nicht das Ding selbst zuschreiben, sondern vielmehr ein durch den Besitz des Dinges Bedingtes tun oder sonst etwas. - Ebenso verhält es sich mit dem Verse des Zuhair: „Und abgeschirrt sind Rosse und Reitkamele der Jugendleidenschaft“.

Du kannst hier keine Substrate oder quasi-Substrate feststellen, welche von den Worten „Rosse“ oder „Reitkamele“ in dem Verse so erfasst würden wie das Wort „Löwe“ den tapferen Mann erfasst, oder das Wort „Vollmond“ einen schönen und strahlenden Menschen, oder das Wort ,,Wolke“ einen freigebigen, mildtätigen Mann, oder „Licht“ das Wissen, die Rechtleitung und klare Darlegung. Du willst vielmehr nur sagen, dass die Jugendleidenschaft jetzt aufgegeben und vernachlässigt ist und dass der Drang der Seele danach verschwunden ist und aufgehört hat, so dass sie einer Sache gleicht, von der man sich fortwendet, deren Werkzeuge man außer Gebrauch setzt, und deren Geräte man fortwirft; oder einer Art von Reise, zur Pilgerfahrt, zum Kriegszug oder zum Handeltreiben, deren Zweck erledigt ist, so dass man den Pferden, auf denen man zu ihr hingeritten war, die Filzdecken abnimmt und von den Kamelen, die man dafür beladen hatte, die Tragsättel abwirft. Man könnte hier zwar zur Not, wenn auch nicht ohne eine gewisse Gezwungenheit, sagen, die „Rosse“ seien die Triebe und Begierden der Seele und ihre Kräfte bei ihren Vergnügungen, oder die Mittel, welche der Jugendleidenschaft Vorschub, und der Liebespassion Beistand leisten, die Tatenlust zum Entflammen bringen und die übermütige Ausgelassenheit der Jugend aufregen - wie der Dichter sagt:

wa-niʻma maṭīyatu l-ǧahli š-šabābu

„Und ein gar schönes Reittier für die Torheit ist die Jugend“, und:

Kāna š-šabābu maṭīyata l-ǧahli[3]

„Da war die Jugend das Reittier der Torheit.“

Solche gezwungene Deutung darfst du aber nicht überall anwenden; denn dann kommt leicht etwas heraus, was den dichterischen Gedanken beeinträchtigt und der Natur der Dichtung zuwider ist. Manchmal verfahren wohl so Leute, die etwas zu gesuchter Ausdeutung neigen, aber du wirst dann finden, dass sie mehr verderben als bessern. Wenn du in dem Verse des Farazdaq:

La-ʻamrī la-in qayyadtu nafsī la-ṭālamā

saʻaitu wa-auḍaʻtu l-maṭīyata fī (li-) l-ǧahli[4]

„Wenn ich mich selbst gefesselt habe, so bin ich wahrhaftig lange genug in (hin zu) der Torheit gelaufen und habe mein Reittier in (zu) ihr traben lassen“

für das Wort „Reittier“ eine derartige Deutung suchen wolltest, so würdest du weit vom Rechten abgeraten und von dem abkommen, was man als das Nächstliegende empfindet; denn der Sinn ist: „Ich bin lange genug im Nichtigen eifrig gewesen (wörtl. gelaufen) und glich früher in dem schnellen Hineilen zur Torheit einem Manne, der sein Reittier auf dem Marsche traben lässt.“

Das hier liegende Geheimnis wird sich aber recht eigentlich erst bei der Besprechung des Unterschiedes zwischen Vergleich (tašbīh) und Gleichnis (tamṯīl) enthüllen, die, so Gott will, später folgen wird.

Ebenso verhält es sich mit den ausdrücken: Huwa murḫā l-ʻinān und: mulqā z-zimām „Er ist locker im Zügel“ und „Er (läuft) mit freiem Nasenstrick (herum).“ Es wäre zwecklos, hier nach einem Objekt zu suchen, auf welches man das Wort „Zügel“ anwenden könnte und das von diesem erfasst würde; der Sinn beruht vielmehr darauf, dass man die Ähnlichkeit von einem Pferde, dem der Zügel locker gelassen wird, abzieht, sich von dem Zustand eines solchen Pferdes im Geist eine anschauliche Vorstellung bildet und das dann für den Mann entlehnt, um sich dann in der Seele vorzustellen und auszumalen, was daraus folgt und sich ergibt. Wenn du aber sagst, „Zügel“ bedeute hier Verbot, und gemeint sei, dass das Verbot für den Mann aufgehoben sei oder dergleichen, gerätst du in offenbare Künsteleien und mühst dich nutzlos ab; das, was du (zur Erklärung) hinzuträgst, wird (ihr) gerade abträglich, und wo du es gut machen willst, machst du es gerade schlecht.

[3/4: Metaphern ohne dingliches Substrat im Koran]

Und wisse: Die Vernachlässigung dieser Grundeinsicht, mit der ich dich bekannt gemacht habe - dass nämlich die Metapher ebensowohl von dieser zweiten Art sein kann wie von jener ersten - verführt nun eben zu solchen gesuchten Ausdeutungen und lässt manche Leute geradezu in Anthropomorphismus verfallen; denn haben sie sich einmal in den Kopf gesetzt, dass bei jedem metaphorisch übertragenen Nomen unbedingt ein aufzeigbares Ding vorhanden sein müsse, welches durch das Nomen ebenso im Tropus erfasst wird wie bei der wörtlichen Bedeutung sein Nominat davon erfasst wird, und finden sie dann bei der Betrachtung etwa der Koranstelle: wa-li-tuṣnaʻ ʻalā ʻainī „und damit du vor Meinem Auge erzogen würdest“ (20/39) und: wa-ṣnaʻi l-fulka bi-aʻyuninā „und mache die Arche vor Meinen Augen!" (11/37) für das Wort „Auge“ nichts, was durch das Wort so erfasst würde wie z. B. durch das Wort „Licht“ die Begriffe „Rechtleitung“ und „klare Darlegung“ erfasst werden, so geraten sie in Zweifel und kreisen um den äußeren Wortsinn herum und zwingen sich selbst, daran festzuhalten, bis sie weit in den Glaubensirrtum hineingeraten und sich in Dinge einlassen, die einen direkten Angriff auf das Einheitsbekenntnis darstellen – von welcher Gottverlassenheit uns Gott bewahren möge!

[3/5: Bei dieser zweiten Art liegt die Ähnlichkeit in dem durch das entlehnte Wort Bedingten]

Aber noch auf einem anderen Wege lässt sich der Unterschied zwischen den beiden Arten klarmachen. Bei der ersteren Art, wie bei dem Ausdrucke: „Ich sah einen Löwen“ d. h. einen tapferen Mann, liegt die Ähnlichkeit in einer Eigenschaft, welche sich auch bei dem Ding, dessen Namen du entlehnt hast, nämlich dem Löwen, findet; wenn du aber sagst: „Als der Zügel des Morgens in der Hand des Nordwindes lag“, so liegt die Ähnlichkeit, derentwegen du das wort „Hand“ entlehnst, nicht in einer Eigenschaft der Hand, sondern vielmehr in einer Eigenschaft, die sie ihrem Besitzer verleiht und welche dieser durch sie gewinnt, nämlich die Möglichkeit des freien Schaltens in einer bestimmten Weise. Ebenso liegt bei dem Ausdruck „Rosse der Jugendleidenschaft“ die Ähnlichkeit, derentwegen das Wort „Rosse“ entlehnt wurde, nicht in den Pferden selbst, sondern sie tritt erst auf bei der folgenden Genitivbestimmung der Pferde, wenn nicht metaphorisch gesprochen wird, also etwa „Die Rosse des Kriegszuges wurden abgeschirrt“ und: „Den Pferden des Glaubenskrieges wurde Ruhe gegönnt“, und zwar liegt sie in dem, was durch das, was mit den Pferden geschieht, bedingt ist; so wie durch das Abschirren der Kriegspferde das Aufgeben des Kriegszuges und das Abstehen von ihm bedingt wird, und so analog die anderen Fälle.

[3/6: Ob eine solche Einteilung auch beim Verbum möglich sei]

Hat sich nun herausgestellt, dass die Metapher des Nomens in diese zwei Arten zerfällt, so haben wir jetzt zu untersuchen, ob auch beim Verbum eine solche Einteilung möglich ist. Dabei müssen wir davon ausgehen, dass beim Verbum nicht in dem Sinne von einem Erfassen eines dinglichen Substrats die Rede sein kann, wie das beim Nomen der Fall ist. Die Eigentümlichkeit des Verbums besteht vielmehr darin, dass es die (in seiner Nennform enthaltene) Grundbedeutung, von der die Verbalformen abgeleitet werden, von einem Dinge für die Zeitstufe prädiziert, auf welche die Form des Verbums hinweist. Wenn du sagst: ,,Zaid schlug“, so prädizierst du das „Schlagen“ von „Zaid“ für die Vergangenheit. Wenn daher ein Verbum für etwas entlehnt wird, was ursprünglich nicht zu ihm gehört, so wird durch die Entlehnung diesem letzteren eine Eigenschaft beigelegt, welche der Grundbedeutung, von dem die betreffende Verbalform abgeleitet ist, ähnlich ist.

[3/7: Das „Reden“ des Zustandes und des Auges]

So sagst zu zum Beispiel: Naṭaqati l-ḥālu bi-kaḏā „Die Sachlage (be)sagte das und das“ oder: Aḫbaratnī asārīru waǧhihī bi-mā fī ḍamīrih „Die Züge seines Gesichts sagten mir, was in seinem Inneren vorging“ oder: Kallamatnī ʻaināhu bi-mā yaḥwī qalbuh „Seine Augen sprachen mir aus, was er auf dem Herzen hatte“, d. h. du findest in der Sachlage etwas, was dem Sprechen beim Menschen ähnlich ist; indem nämlich die Situation auf eine Sache hindeutet und gewisse Anzeichen enthält, durch welche diese zu erkennen ist, wie das beim Sprechen der Fall ist. Ebenso ist es mit dem Auge; auch bei ihm treten bestimmte Erscheinungen auf, die dem Reden ähnlich sind, d. h. es deutet durch bestimmte Anzeichen, welche an ihm und an der Art, wie es blickt, in Erscheinung treten, auf etwas hin, und es zeigen sich bei ihm bestimmte Besonderheiten, durch welche das, was im Herzen vorgeht, Befremdung oder Zustimmung, erraten werden kann. So erzählt ja jemand, dass er zu Ǧumaḥī[5] gegangen sei, um seinen Rat betreffs einer Frau, die er zu heiraten beabsichtigte, einzuholen. Da habe Ǧumaḥī gefragt: Ist sie „kurz“ oder „nicht kurz“? Ich verstand nicht, was er sagen wollte, berichtet der Erzähler. Da sagte er: Du scheinst mich nicht verstanden zu haben; ich sehe es dem Menschen am Auge an, ob er eine Sache weiß oder sie befremdlich findet, oder ob er weder das eine noch das andere tut. Wenn er die Sache weiß, so kneift er ein wenig die Augenlider zusammen; wenn er sie weder weiß noch befremdlich findet, so bleibt das Auge ruhig; findet er sie befremdlich, so reißt er die Augen auf. Ich habe mit dem Ausdruck „kurz“ gemeint, ob sie schon durch eine kurze Ahnenreihe, durch ihren Vater oder Großvater bekannt ist.

Der Scheich Abū l-Ḥasan[6] sagt: Hierher gehört, was der Genealoge al-Bakrī zu Ruʼba sagte, als dieser ihn besuchte (und auf die Frage, wer er sei, antwortete: Ruʼba ibn al-ʻAǧǧāǧ.) Da sagte er nämlich Qaṣurta wa-ʻurift! „Bei dir braucht man nicht viele Namen zu wissen, du bist (durch deinen Vater, den berühmten Dichter) bekannt!“ Abū l-Ḥasan fährt fort: Darauf bezieht sich der Vers des Ruʼba:

Qad rufiʻa l-ʻAǧǧāǧu bi-smī fa-dʻunī            Bi-smī iḏā l-ansābu ṭālat yakfinī[7]

„Erhöht wurde ʻAǧǧāǧ durch meinen Namen; darum nenne mich nur bei meinem Namen! Das ist, wenn (bei Anderen) lange Genealogien angeführt werden, für mich genug.“

Die dargelegte Ausdrucksfähigkeit des Auges ist zwar so klar, dass sie keines besonderen Beweises bedurft hätte, aber wenn eine Sache innerhalb eines Redezusammenhangs erscheint, der eine allgemeine Behauptung darstellt, ist es für den Leser am angenehmsten, wenn sie durch Zeugnisse belegt wird; denn es gibt nichts Schöneres, als wenn zu einer Behauptung ein Beweis hinzugefügt wird.

[3/8: Metapher des Verbums ist Metapher seiner infinitischen Grundbedeutung]

Wenn es sich nun mit der Metapher des Verbums so verhält, wie beschrieben, so können wir nunmehr als feststehend betrachten, dass ein Urteil, das Verbum sei metaphorisch gebraucht, sich stets auf die infinitivische (Grundbedeutung) bezieht, von der die betreffende Verbalform abgeleitet ist. Wenn wir also bei dem Ausdruck: Naṭaqati l-ḥāl „Die Situation besagte“ feststellen, dass naṭaqa „besagte“ metaphorisch gebraucht ist, so bedeutet das, dass an-nuṭq „das Besagen“ metaphorisch übertragen ist. Bezieht sich aber die Metapher auf den Infinitiv (der ja auch als Nomen zu betrachten ist), so gilt für sie eben das, was oben (für die Metapher des Nomens ausgeführt wurde).

[3/9: Vom Subjekt bzw. Objekt her bedingte Metapher des Verbums]

Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Metapher des Verbums sich manchmal vom Subjekt her, wie in den obigen Beispielen, manchmal vom Objekt her ergibt. Letzterer Fall liegt z. B. vor in dem Verse des Ibn al-Muʻtazz:

Ǧum(m)iʻa l-ḥaqqu lanā fī imāmin               qatala l-buḫla wa-aḥyā s-samāḥā[8]

„Alles Recht ist für uns vereinigt in einem Imām, der den Geiz tötete und die Freigebigkeit belebte.“

Die Ausdrücke „tötete“ und „belebte“ sind hier metaphorisch, insofern sie den „Geiz“ und die „Freigebigkeit“ zu Objekten haben. Hätte der Dichter gesagt: „der die Feinde tötete und Leben spendete“, so wäre der Ausdruck „tötete“ überhaupt keine, und „Leben spendete“ keine Metapher in dem hier behandelten Sinne. - Ebenso ist es in dem Halbverse:

Wa-aqrī l-humūma ṭ-ṭāriqāti ḥazāmatan[9]

„Und ich bewirte die des Nachts anklopfenden Sorgen mit fester Entschlossenheit.“

Die Metapher kommt hier von beiden Objekten zugleich her; wegen des Subjektes könnte der Ausdruck veritativ sein, denn du kannst sagen: „Ich bewirte die absteigenden Gäste mit frischem Fleisch“. – Ähnlich sagt ein Dichter:

Qarā l-hamma iḏ ḍāfa z-zamāʻa

„Er bewirtete die Sorge, als sie als Gast einkehrte, mit Standhaftigkeit.“

Manchmal wird der metaphorische Charakter eines Verbums nur durch eines der beiden Objekte bedingt; so in dem Verse:

Naqrīhimū lahḏamīyātin naquddu bihā        mā kāna ḫāṭa ʻalaihim kullu zarrādi[10]

„Wir bewirten sie mit schneidigen Klingen, mit denen wir zerfetzen was all die Panzerschmiede auf sie genäht hatten.“

 Aus „Die Geheinisse der Wortkunst (Asrār al-Balāġa)“ von ʻAbdalqāhir al-Ǧurǧānī. Aus dem Arabischen übersetzt von Hellmut Ritter. Wiesbaden: Steiner, 1959. Eine vollständige druckgetreue PDF findet sich hier: https://menadoc.bibliothek.uni-halle.de/ssg/content/titleinfo/719887 Für die Online-Version neu bearbeitet.

 

[1] Diese Art der Metapher heißt bei den Späteren istiʻāra taḫyīliyya.

[2] Vers der Muʻallaqa des in der Heidenzeit geborenen, dann zum Islam übergetretenen und unter dem Kalifen ʻUmar in Kūfa gestorbenen Dichters Labīd. Alle Kommentare fassen den Vers so auf, dass der Dichter sagen will, er habe an eisigen Wintermorgen die Leute durch Speisung, Kleidung und Feueranzünden vor den Unbilden der Witterung und der Not geschützt.

[3] Aus einem Gedicht des bekannten ʻAbbāsidendichters Abū Nuwās, gest. zwischen 195-198/806-813. Er hat das Motiv von Nābiġa übernommen.

[4] Die Qaṣīde, aus welcher der Vers stammt, ist in den Naqāʼiḍ die erste des Dichters.

[5] Die Anekdote wird im ʻIqd von Yūnus ibn Muṣʻab nach ʻUṯmān ibn Ibrāhīm ibn Muḥammad erzählt, über den ich bisher nichts gefunden habe. Al-Ǧumaḥī ist vielleicht Abū Ḫalīfa al-Faḍl ibn al-Ḥubāb al-Ǧumaḥī, der Neffe und Rāwī des Verfassers der Ṭabaqāt aš-šuʻarāʼ, dem genealogische Kenntnisse nachgerühmt werden. Er war Qāḍī in Baṣra und starb dort im hohen Alter im Jahre 305 h. Aber dieser Faḍl war blind und konnte daher kein Mienenspiel beobachten, wenn man nicht annimmt, dass er erst im Alter erblindet war.

[6] Das ist der Qāḍī al-Ǧurǧānī, Abū l-Ḥasan ʻAlī ibn ʻAbdalʻazīz, gest. 366 h. Das Zitat stammt aus dessen Wasāṭa S. 297, ist aber entweder verderbt oder sehr ungenau.

[7] Die beiden šaṭr stehen im Dīwān des Ruʼba in einer etwas abweichenden Form.

[8] Aus einer Lobqaṣīde auf den Kalifen al-Muʻtaḍid (279189/892-902). Als Beispiel für den Fall, dass das den metaphorischen Charakter eines Ausdrucks anzeigende Moment, die qarīna, im Objekt des Verbums liegt, im Talḫīṣ. Der Talḫīṣ nennt die Metapher des Verbums, insofern sie auf eine Metapher des Infinitivs zurückgeht, istiʻāra tabaʻiyya.

[9] Der Vers geht weiter: „Wenn (bei den Anderen) diese Besucherinnen viel melancholische Hirngespinste hervorrufen.“ Er stammt nach dem Kāmil aus dem Gedicht eines Beduinen von den Saʻd ibn Zaid Manāt ibn Tamīm, nach der Ḥamāsa von Huḏlūl ibn Kaʻb al-ʻAnbarī. Diesen sah seine Frau die Mühle drehen, um seine Gäste zu bewirten, und sagte verächtlich: Ist das mein Mann? Daraufhin dichtete er diese Qaṣīde.

[10] Der Dichter dieses Verses ist al-Quṭāmī ʻUmair ibn Šuyaim at-Taġlībī, dessen Blütezeit zwischen die Jahre 66-90 h fällt.

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