Chancen und Herausforderungen für das islamische Wissen im Informationszeitalter

„Ich habe getan, was jedermann in seinem Beruf tun sollte: Die Leistungen der Vorgänger mit Dankbarkeit entgegennehmen, etwaige Fehler ohne Scheu verbessern und, was bewahrenswert erscheint, den Nachfolgern und späteren Generationen weitergeben.“

al-Bīrūnī (gest. 440/1048)

Wir leben in einer Zeit vielfältiger Umbrüche: Globalisierung, Digitalisierung, technische Entwicklungen…     
Daten von und über Milliarden von Menschen werden zeitnah und in Echtzeit erfasst…    
Millionen Bücher und andere Medien sind und werden digitalisiert…
Die ganze Welt, selbst das Universum, wird ununterbrochen vermessen… Eine schiere Menge an Daten und Informationen entsteht…
Es wird immer schwieriger, die Daten auszuwerten und einzuordnen…        
Immer weniger Menschen, die einen Überblick haben und bewahren können…       
Immer mehr Superspezialisten…  
Weniger Menschen, die uns die Welt erklären können…          
Es scheint alles komplexer zu werden…   
Als wäre das noch nicht genug, gibt es immer mehr Fake-Daten, Verschwörungstheorien, Wissenschaftsfeindlichkeit usw. Es ist sogar schon die Rede von einem postfaktischen Zeitalter…
Ereignisse und Entwicklungen aus aller Welt brechen über uns herein…

In dieser Situation der neuen Unübersichtlichkeit wird es auch für Wissenschaftler/-innen besonders schwierig, die Realität adäquat zu erfassen, die Ereignisse einzuordnen, die extrem spezialisierten Lebensbereiche und ausdifferenzierten Systeme zu verstehen, um auf Basis dessen die Informationen in einem größeren Bild einzuordnen, Entwicklungen in einem historischen Prozess nachzuzeichnen und den Weg in die Zukunft zu weisen.

Das gilt auch besonders für muslimische Theologen/-innen und Islamwissenschaftler/-innen, die daran interessiert sind, ‚islamisches‘ Wissen zu ‚verarbeiten‘, islamische Quellen zu verstehen, zu studieren, die Wissenstradition zu rezipieren, zu interpretieren, auszuwerten, kritisch zu reflektieren, neu zu ordnen und weiter zu entwickeln. Doch die islamischen Wissenschaften sind zu umfangreich und das islamische Wissen hat eine Geschichte von über 1400 Jahren, wobei das Wissen bzw. islambezogene und islamrelevante Informationen stetig anwachsen.

Um die allgemeine Situation ein wenig mit Daten zu konkretisieren, sei an dieser Stelle angeführt, dass im Jahre 2007 etwa „noch schätzungsweise 161 Exabyte[1], d.h. 161 Milliarden Gigabyte, digitaler Informationen kreiert, erfasst oder repliziert“ wurden, während es im Jahre 2010 „bereits ca. 1.200 Exabytes“[2] waren. In Bezug auf das islamische Wissen ist zu beobachten, dass weltweit immer mehr Handschriften erschlossen, katalogisiert und digitalisiert werden. Doch nicht nur das, es werden täglich unzählige Artikel und Bücher in vielen Sprachen publiziert. Während früher Gelehrte in mehreren Disziplinen Experten sein konnten, ist es heute bereits unmöglich die gesamte Literatur einer Disziplin überhaupt zu kennen, geschweige denn zu lesen, auszuwerten und zu beschreiben. Das führt unter anderem zu dem Problem, dass Halbwissen und lückenhaftes Wissen zum Standard werden. Es ist bekannt, dass die Wissenschaften miteinander verknüpft und informationell miteinander vernetzt sind sowie aufeinander aufbauen. Um ein Beispiel zu nennen, ein Experte für die Prophetenbiographie muss zwangsläufig die Hadithwissenschaften kennen, um die Informationsquellen (isnâde) auswerten zu können. Das gilt ebenso für einen Koranexegeten, der die exegetischen Überlieferungen kennen muss, um das Verständnis der Erstadressaten in Betracht ziehen zu können. Diese Unübersichtlichkeit wird noch verstärkt durch die Entwicklung in anderen Wissenschaften und Forschungszweigen, deren Erkenntnisse für die islamischen Wissenschaftler von unverzichtbarer Bedeutung sind. Nicht nur das islamische Recht ist auf Naturwissenschaften, Genetik, Biomedizin, Bankenwesen etc. angewiesen, um eine islamische Position und Normen aus den Quellen ableiten zu können, auch die anderen Wissenschaften, wie die islamische Geschichte oder Koranwissenschaften, müssen, wenn sie sich denn entwickeln wollen, auf Methoden und Konzepte moderner Wissenschaften zugreifen sowie die Sprach- und Literaturwissenschaften integrieren können. Wenn die islamische Philosophie und die systematische Theologie nicht nur tradiert werden soll, sind muslimische Philosophen und Theologen angehalten, die philosophischen Ansätze der Moderne und Postmoderne sowie die Entwicklungen und Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften, als Beispiel sei Astro- und Quantenphysik genannt, heranzuziehen.

Die kurz skizzierte Situation scheint eine überwältigende und unlösbare Aufgabe zu sein, doch es gibt Wege und Möglichkeiten dieser Herausforderung zu begegnen, um ein wenig Ordnung zu schaffen.

Computer sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken, sie sind ein komplexes Phänomen und insbesondere mit dem Internet verknüpft stellen sie eine in der Weltgeschichte einmalige Möglichkeit der Kommunikation, Vernetzung und Daten- und Medienverarbeitung dar. Ein Computer kann daher je nach Funktion unterschiedlich definiert werden. Computer kann als eine partielle, digitale Repräsentation unserer Wirklichkeit verstanden werden. Der Computer ist auch eine Informationsmaschine. In der Vision Bill Gates - Mitbegründer und Vordenker von Microsoft – sollten Computer „zu universalen Informationsmaschinen werden, mit denen man vermeintlich alles finden und scheinbar unmittelbar mit Information interagieren kann.“[3]

Das System Computer hat viele Subsysteme, die für unser Thema eine besondere Relevanz aufweisen. Eines dieser Subsysteme ist die Datenbank. Doch was ist eine Datenbank? Auch hierzu gibt es viele Definitionen. Burkhardt versteht zum Beispiel „Datenbank als spezifische, technische Infrastruktur und universelle Metapher digitaler Informationssammlungen.“[4] Von einigen Datenbanken kann gesagt werden, dass sie digitale Bibliotheken sind. Bibliotheken sind in der Utopie Stätten und Sammlungen des Weltwissens. Analog dazu fungiert

„Das Wort Datenbank […] als Projektionsfläche für die vielfältigen, heterogenen und scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten der Verzeichnung, Zirkulation, Präsentation, Selektion und Auswertung von Informationen in Computern. Hierbei wird die Realität der computertechnischen Informationsverarbeitung von einem Imaginären überlagert. Stephan Porombka zufolge entfaltet sich an Datenbanken die »Phantasie vom virtuell vollständigen Gedächtnis« (Porombka 1998: 318) - alle möglichen Informationen scheinen in digitalen Datenbanken vorhanden und verfügbar zu sein. Auch wenn die Einlösung dieser Vollständigkeitsutopie stets ausbleiben wird, ist ihre Imagination ungemein verführerisch und suggestiv.“[5]

„Mit Google scheint sich die Vision von Gates erfüllt zu haben – die Suchmaschine gibt Orientierung in der unübersichtlichen Informationsvielfalt des World Wide Web (WWW) und gewährt ihren Nutzern Zugriff auf vermeintlich grenzenlose Informationsressourcen: Nur wenige Suchanfragen entfernt liegt die Gesamtheit des Weltwissens.“[6]

Doch der Schein trügt, denn Burkhardt stellt fest, dass als „»Datenbank« des WWW […] die Suchmaschine Google paradoxerweise weitgehend blind gegenüber Informationen, die in Datenbanken gespeichert sind, d.h. von Informationen, auf die nicht als Webseite zugegriffen werden kann, sondern die vermittels Webseiten abgefragt werden müssen.“[7]

Darüber hinaus nehmen die Suchalgorithmen, deren Codes wir nicht kennen, keine inhaltliche Analyse vor. Die Suchergebnisse werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst, aber viel weniger von einer inhaltlichen Qualität. Unwissenschaftliche Texte, selbst Verschwörungstheorien oder sensationelle Nachrichten, finden große Verbreitung. Das gilt vor allem für Videoplattformen wie YouTube oder Soziale Medien wie Facebook und Twitter.

Der Computer, das Internet und die Datenbanken scheinen in Bezug auf das Wissen paradoxe Phänomene zu sein. Einerseits machen sie eine schiere Menge an Information zugänglich, aber andererseits leidet die Qualität darunter. Um es auf eine Formel zu bringen, je höher die Quantität, so scheint es, desto geringer die Qualität. Selbst professionelle Wissensplattformen wie Wikipedia, die relativ unabhängig organisiert sind, sind als Informationsquellen umstritten.

Zu dem kommt noch das klassische Problem dazu, dass das Finden des Einen im Vielen einer Informationssammlung immer schwieriger wird. Dieses Problem wird noch größer, wenn bedacht wird, dass akademische Literatur sehr teuer ist, digital wenig verbreitet und damit weniger bekannt ist.

Es kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass moderne Informationssysteme nicht automatisch zu einem höheren Erkenntnisgewinn beitragen. Hier wird die immense Bedeutung des menschlichen Faktors erkennbar. Die Frage lautet konkret: Was können wir als Wissenschaftler machen, um die technischen Möglichkeiten so einzusetzen, damit wir eine neue Übersicht gewinnen und qualitatives, zumindest geordnetes, Wissen bereitstellen können?

An dieser Stelle möchte ich einige miteinander verknüpfte Aufgabenfelder benennen:

Klassische und altbewährte Systeme der Informationsverwaltung können aktualisiert und digitalisiert eingesetzt werden. Die Bibliographie – Erschließung, Verzeichnung und Ordnung der Literatur - und die Bibliothek - Sammlung handgeschriebener und gedruckter Literatur - sind zwei der wichtigsten dieser Systeme.

Daher wäre ein Lösungsansatz, die gedruckte Literatur zu digitalisieren und zugänglich zu machen. Es sind bereits – zum Beispiel durch Google – Millionen von Büchern digitalisiert worden. Auch Institutionen wie İSAM[8] haben Zehntausende Fachartikel digitalisiert und zur Verfügung gestellt. Auch die Digitalisierung der Handschriften schreitet voran. Ein Großteil der islamischen Literatur ist jedoch weiterhin nicht digitalisiert, zumindest für die Allgemeinheit nicht zugänglich oder schlicht unbekannt und zerstreut an den unendlichen Ufern des Internets.

Daher seien einige konkret mögliche Aufgaben aufgezählt, die die Situation verbessern können:

  • Weitere Schriften müssen digitalisiert werden
  • Die Digitalisate können nach dem Prinzip „offenes Wissen“ (open access) der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden, wobei dafür die Urheberrechte reformiert werden müssen
  • Linksammlungen von open access-Literatur
  • Linksammlungen von offenen Datenbanken wie İSAM, YÖK Tez Merkezi[9], Handschriftenseiten usw.
  • Bibliographien für jeweilige Wissenschaften und Themenbereiche in den jeweiligen Sprachen
  • Literaturempfehlungen für Wissenschaftler, die Allgemeinheit, Jugendliche und Kinder
  • Aktualisierung, Adaptation und Applikation der (hadith)wissenschaftlichen Informationsvermittlung, Tradentenkritik und Authentizitätsbeurteilungen
  • Erfassung und Evaluierung von Informationsquellen (Personen, Webseiten, Nachrichtenkanälen, Institutionen etc.)

Diese und weitere Maßnahmen können dazu dienen, eine Infrastruktur des islamischen Wissens aufzubauen. So eine Infrastruktur kann eine Grundlage für die Wiederbelebung der islamischen Wissenschaften sein, denn sie bedeutet eine neue Übersicht, Komplexitätsreduktion usw.

Big Data und Datenbanken sollen jedoch nicht das Denken bzw. die menschliche Intelligenz ersetzen, sondern im Idealfall Raum und Zeit bzw. Bedingungen der Möglichkeit einer besseren Rezeption, Reflektion und Interpretation der Information schaffen. Die Reproduktion, die immer häufiger im Wissenschaftsbetrieb beobachtet und beklagt wird, soll mehr Platz machen für Reflektion. Die mühsame und aufwendige Sammlung schierer Informationsmengen soll erleichtert werden, damit mehr Zeit für das Lesen, die Auswertung und Auslegung der Texte bleibt. Digitale Datenbanken sollen nicht als Gedächtnisersatz dienen, sondern als Gedächtnisstütze und -erweiterung gedacht werden. Datenbanken sind digitale Infrastrukturen, die die Akkumulation, den Zugang, die Verarbeitung und die Zirkulation der Informationen erleichtern. In keinem Fall wird, kann und soll die menschliche Intelligenz ersetzt werden, im Gegenteil, ihr sollen höhere intellektuelle Aufgaben zukommen.

Zudem sind Grundlagenwissen aller relevanten Wissenschaften und ein islamisches Allgemeinwissen sowie Methoden notwendig für eine gute Verwendung und Verwertung der Datenbanken. Genauso werden auch Lehrer unersetzlich bleiben.

Am Ende darf es vielleicht etwas pathetisch und philosophisch werden: Das Bewusstsein um die Handlung und die Erkenntnis, dass das Handeln vom Wissen begleitet werden muss, sowie die Aufrichtigkeit der Absicht, die der Handlung zugrunde liegt, sind Notwendigkeiten, die die innere und äußere Welt positiv ändern können.

 

[1] Exabyte steht für eine Trillion (1018) Bytes, eine Milliarde Gigabyte (109=Milliarden), eine Millon Terabyte (1012=Billionen), Tausend Petabyte (1015=Billiarden).

[2] Hierbei geht es um alle möglichen Daten bzw. Medien (Video, Audio etc.). Vgl. Burkhardt: Digitale Datenbanken, 7. „Im Jahr 2020 werden, so die aktuellen Prognosen, 40.000 Exabyte digitale Informationen erzeugt.“

[3] Burkhardt: Digitale Datenbanken, 12-13.

[4] Burkhardt: Digitale Datenbanken, 8.

[5] Burkhardt: Digitale Datenbanken, 10.

[6] Burkhardt: Digitale Datenbanken, 13.

[7] Burkhardt: Digitale Datenbanken, 13.

[8] Siehe http://ktp.isam.org.tr/?url=makaleilh/findrecords.php.

[9] Siehe https://tez.yok.gov.tr/UlusalTezMerkezi/.

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